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Das Heilige Grab in der Stiftskirche zu Beromünster Seit der Gründung der Schweizerischen Statthalterei ist das Stift St. Michael zu Beromünster nicht nur der rechtliche Sitz des Ritterordens, sondern aufgrund seiner Geschichte auch sein geistiges Zentrum: Von kaum einem anderen Teil der katholischen Schweiz brachen im Laufe der Jahrhunderte so viele Menschen auf, um die heiligen Stätten in Palästina zu besuchen, wie von Beromünster. Vom 17. bis ins 20. Jahrhundert waren es vor allem Chorherren, die ins Heilige Land pilgerten und dort zu Rittern des Heiligen Grabes geschlagen wurden. Der enge Bezug des Chorherrenstifts zu den Stätten des Leidens und Sterbens Christi ist wohl mit ein Grund, weshalb 1771 der Maler Josef Ignaz Weiss aus Kempten im Allgäu beauftragt wurde, für die Stiftskirche ein Kulissengrab zu schaffen. Seit dem Heiligen Jahr 2000 lädt es vom Passionssonntag bis zum Karfreitag die Gläubigen zur stillen Andacht ein. Durch die Betrachtung der auf den verschiedenen Ebenen des Heiligen Grabes dargestellten Leidensszenen werden sie mit den einzelnen Stationen der Passion Christi vertraut gemacht. Zu einem Ganzen zusammengefügt, geben ihnen die Szenen Hinweise darauf, welche Bedeutung das Leben und Sterben Christi für ihr Leben hat oder haben könnte.
Oben links
Die Passionsgeschichte beginnt mit der Szene oben links. Dieses Bild zeigt Christus vor dem sitzenden Hannas, der ihn befragt. Hinter Hannas steht der Hohepriester Kaiphas. Er ist im Begriff, sein Gewand zu zerreissen. Anlass dazu gibt eine Aussage Christi: „Von nun an wird der Menschensohn zur Rechten des allmächtigen Gottes sitzen“ (Matt 26, 64). Dieser Satz ist ein Bekenntnis. Christus sagt ihn im Wissen darum, dass darauf zwangsläufig das Todesurteil folgen muss.
Oben rechts und Mitte links
Auf der gegenüberliegenden Seite wird Jesus dem römischen Statthalter Pilatus vorgeführt. Jetzt, da Jesus vor ihm steht, fragt ihn Pilatus: “Bist du der König der Juden?“ Darauf erwidert Jesus: „Du sagst es.“ Die Antwort versetzt die Ältesten und Schriftgelehrten in helle Aufregung. Sie pochen auf das göttliche Gesetz und die Glaubenslehre. Gesetz und Lehre werden durch die Bücher dargestellt, die sie in den Händen halten. Die Leidensgeschichte findet links von der noch leeren Öffnung des Heiligen Grabes ihre Fortsetzung. Nach der Heiligen Schrift überredeten die Hohepriester und Ältesten die Menge, die Freilassung Barabbas zu fordern, Jesus aber kreuzigen zu lassen. Als Pilatus sah, dass er gegen den Willen des Volkes nichts ausrichten konnte, wusch er sich die Hände und sagte: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen.“ Darauf liess er Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geisseln. (Matt 27, 26). Darauf nimmt die hier dargestellte Szene Bezug.
Mitte rechts
Rechts gegenüber ist Jesus dem Spott der Soldaten preisgegeben. In der Heiligen Schrift lesen wir dazu: „Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand.“ (Matt 27, 29). In dieser Szene wird Christus nicht wie ein Gotteslästerer behandelt, sondern wie ein Karnevalskönig der Saturnalien. Dadurch wird das Kontrastsymbol der Dornenkrone noch verschärft. In der barocken Kunst hat sie eine sinnbildliche Bedeutung. In ihr kommt der Aufruf zu Umkehr und Busse zum Ausdruck: Nach Wilhelm Durandus (1237-1296) weisen die drei Ranken, aus denen die Dornenkrone geflochten ist, auf die drei Stufen der Busse hin: contritio (Zerknirschung), confessio (Beichte) und satisfactio (Wiedergutmachung durch Taten).
Ganz oben
Von hier geht der Blick nach oben zum Bild, in dem der gefesselte und gekrönte Jesus zur Schau gestellt wird. In den Händen hält er einen Rohrstab als Zepter; der Purpurmantel verdeckt die ihm von der Geisselung zugefügten Wunden. Diese Szene wird nach einer Stelle im Evangelium des Johannes „Ecce Homo“ („Seht, da ist der Mensch“) genannt (vgl. Joh 19, 4-5). Darüber schweben auf Wolken Gottvater, Engel und Putten. Letztere sind ein Hinweis auf die heitere Unbefangenheit des kindlichen Glaubens.
Zentrum der Grabesnische
Eine Vorwegnahme der Herz-Jesu-Verehrung des 19. Jahrhunderts ist das von Dornen umwundene, gekrönte und von einem Kruzifix überhöhte Herz-Jesu im Zentrum der Grabesnische. Die Darstellung des Herzens Jesu im Zusammenhang mit dem Heiligen Grab lässt erkennen, dass die Wurzeln der Herz-Jesu-Verehrung in der mittelalterlichen Passionsmystik zu suchen sind. Nach Norbert Busch besteht zwischen mittelalterlicher und neuzeitlicher Herz-Jesu-Verehrung eine grundlegende theologische Differenz. Die mittelalterliche Andachtsform bezieht sich auf das Leiden und Sterben des Herrn aus Liebe zu den Menschen (Themen: Leid und Liebe). Die Herz-Jesu-Verehrung des 19. Jh. fordert die Gläubigen auf, durch das Sakrament der Eucharistie Sühne zu leisten (Themen: Liebe, Sühne und Eucharistie).
Im Vordergrund, beim Treppenaufgang zur Grabesnische, sind schlafende Wächter dargestellt. In der christlichen Symbolik repräsentieren sie jene Menschen, die von den zentralen Ereignissen, die um sie geschehen, nichts mitbekommen. Die vor dem Heiligen Grab stehenden vier Säulen mit den Feuer spendenden Gefässen sind der Lichtsymbolik zuzuordnen. Im Zusammenhang mit dem Heiligen Grab weisen sie hin auf Sieg und Freude, auf Freiheit und Erlösung sowie auf Hoffnung mitten in der Finsternis. Wie der Strahlenkranz, der das bis Karfreitag verhüllte Kruzifix umgibt, nehmen auch die vier Lichter Bezug auf eine Schlüsselstelle im Johannesevangelium. Diese fasst die Bedeutung des Leidens und Sterbens Christi für die Menschen in einem Satz zusammen, wenn der Evangelist Jesus sagen lässt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8, 12). Kurt Lussi
Literatur: Busch, Norbert: Katholische Frömmigkeit und Moderne. Die Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Herz-Jesu-Kultes in Deutschland zwischen Kulturkampf und Erstem Weltkrieg. Gütersloh 1997. Lussi, Kurt: Die Karwoche in Mystik und Brauchtum. Lindenberg 2000. Suter-Brun, Ludwig: Das Heilig Grab in der Stiftskirche. Ein barockes Schaugerüst für die Karwoche. Beromünster, ohne Jahr (2000). Suter-Wandeler, Joseph: Auf den Spuren der Jerusalempilger und Ritter des Heiligen Grabes im St. Michaelsstift zu Beromünster. Beromünster 2000. (Heimatkunde des Michelsamtes). Meditation Kreuzweg am Kolosseum unter dem Vorsitz des Heiligen Vaters Benedikt XVI. Karfreitag 2007. Meditation von Prälat Gianfranco Ravasi, Präfekt der Bibliothek und Pinakothek Ambrosiana von Mailand (publiziert in: L’Osservatore Romano vom 6. April 2007). Besuchszeiten Das Heilige Grab ist vom Passionssonntag bis zum Karfreitag in der Stiftskirche von Beromünster aufgerichtet. Es kann täglich von 07.00-18.00 Uhr besucht werden. Das Datum der von der Komturei Waldstätte in der Passionszeit durchgeführten Andacht wird jeweils in der UNITAS publiziert. Fotos Stephan Kölliker, Ruswil |
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