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Es gilt das gesprochene Wort

von Martin Gehrer

Sua Eccelenza Monsignore Pier Giacomo Grampa
Hohe Geistlichkeit
Monsieur le Chevalier Grand-Croix (Jean-Pierre de Glutz-Ruchti)
Cari membri dell’ Ordine
Liebe Gäste


Une cordiale bienvenue à Saint-Gall! Benvenuti a San Gallo ! Herzlich willkommen in St.Gallen, der Hauptstadt des gleichnamigen Kantons, der seit dem Jahr 1803 besteht und damit älter ist als Ihre Statthalterei. Und dennoch gab der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem in den über 200 Jahren der Kantonsgeschichte – wie ich vermute – nur ein einziges Mal Anlass für ein Traktandum an einer Sitzung der St.Galler Kantonsregierung. Ihr Komtu-reipräsident, Christoph Mattle, stellte der Regierung vor einigen Monaten ein Gesuch, dem Rit-terorden für die Investituranlässe die Räume in der Pfalz kostenlos zur Verfügung zu stellen.

 

Die Regierung hat das Gesuch bewilligt und dem Ritterorden die Kosten für die Miete des Kantonsratssaal und des Pfalzkellers, wo Sie heute Mittag den Apéro Riche eingenommen haben, erlassen. Es ist damit hoffentlich auch für Ihren Schatzmeister, Herr von Reding, verkraftbar, dass ich zusammen mit meiner Gattin die Einladung zu dieser Investitura gern ange-nommen habe, ohne dafür die Festkarte käuflich erworben zu haben. Es erleichtert mein Ge-wissen als Finanzchef des Kantons, dass wir Ihnen – sozusagen als Gegenleistung des Kan-tons – wenigstens die Mietkosten für die staatlichen Räumlichkeiten erlassen durften.
Wenn die Regierung Ihrer katholischen Organisation die staatlichen Räume zur Verfügung stellt, so kommt bei mir ein ganz spezielles Gefühl auf, zwischen Bedauern und Schmunzeln. Die Regierung und das Parlament dürfen nämlich in ganz besonders schönen Räumen arbei-ten und tagen. Der Kanton St.Gallen, die Verwaltung, die Regierung, das Parlament und auch das Kantonsgericht sind nämlich in einem Weltkulturgut untergebracht.
Der Kanton St.Gallen hat diese schönen Gebäude nicht selber erbaut. Was heute dem Kanton gehört, war einst das weltbekannte Kloster St.Gallen. Sie führten heute ihre Kapitelsitzung im ehemaligen Thronsaal des Fürstabtes von St.Gallen durch. In diesem Saal tagt heutzutage das Kantonsparlament und nicht alles, was dort parliert wird, würde die Ohren des Fürstabtes erfreuen, ebenso wenig wie es gelegentlich die Ohren der Regierung erfreut.
Nun gut, auch der Fürstabt von St.Gallen hat seine Untertanen nicht immer nur erfreut. Nach der französischen Revolution erlangten die Untertanen des Fürstabtes nach und nach mehr

Rechte und Freiheiten. Im Zuge dessen hat so der letzte Fürstabt von St.Gallen, Abt Pankraz Vorster, zuerst Ende des 18. Jahrhunderts seine weltliche Macht als Reichsfürst mit Stimme im Reichstag des Heiligen Römischen Reiches verloren und später im Rahmen der Säkulari-sierung im Jahr 1805 auch das Benediktinerkloster an den von Napoleon neu gegründeten Kanton St.Gallen abtreten müssen. Seither gehören diese Räumlichkeiten dem Kanton.
Als Regierungsmitglied und Schatzmeister muss ich darüber ja nicht zwingend traurig sein, obwohl ich natürlich beim Arbeiten in diesen ehemaligen Kloster-Räumlichkeiten den Hauch der früheren Mönche noch irgendwie mitatme … und mit mir wohl auch Ihr Komtureipräsident Christoph Mattle. Es ist jedoch nicht mehr als ein Gerücht, dass er es einzig wegen seines be-ruflichen Bezugs zum ehemaligen Kloster in der St.Galler Pfalz zu einem Ritter Ihres Ordens gebracht haben soll …
Das Kloster St.Gallen wurde um 720 von Otmar dort gegründet, wo sich der irische Mönch Gallus, ein Gefährte von Kolumban von Luxeuil, vor genau 1400 Jahren niedergelassen hatte und dessen Jubiläum wir in diesem Jahr feiern. Laut Überlieferung hatte sich Gallus hier an der Steinach eine Klause als Einsiedler erbaut. Ein Bär soll ihm dazu das Holz angeschleppt haben. Der Bär findet sich heute noch im Stadtwappen.
Auch in der Bibel nimmt der Bär da und dort eine Rolle ein. Ich denke zum Beispiel an das Buch Jesaja, wo der Prophet beschreibt, dass eine Zeit kommen wird, da der Bär mit der Kuh spielen wird. Er meinte damit zweifellos nicht den M13, der eher mit der Rhätischen Bahn als mit einer Kuh spielt. Nun, wenn schon der M13 nicht mit der Kuh spielt, dann wäre ja zu hof-fen, dass wenigstens der Bär von Gallus mit der Kuh gespielt hat. Dies bezweifle ich aller-dings, da es zwar im 7. Jahrhundert noch keine Rhätische Bahn gegeben hat, aber die Welt deswegen doch nicht nur friedfertig war. Milch und Honig sind wohl nicht reichlicher geflossen als heute.
Aber Jesaja will uns dies auch gar nicht weismachen. Vielmehr beschreibt er uns den Himmel, wo keine Gewalt mehr herrschen wird. Der spielende Bär wird so zum Symbol von Frieden und Harmonie. Darin erkenne ich einen direkten Bezug zu unserem Stadtgründer Gallus, dem der Bär Holz bringt und dafür Brot erhält .... Ich erkenne darin jedoch ebenso einen Bezug zu Ihrem Ritterorden, in dessen Zentrum die Unterstützung der Christen im Heiligen Land steht.
Ich bin Finanzchef des Kantons und habe für genügend Steuereinnahmen zu sorgen. In biblischen Zeiten war der Steuereinnehmer Zachäus nicht sonderlich beliebt. Die Menschen pfleg-ten bewusst keinen Kontakt mit ihm. Jesus lehrte dann aber die Menschen, dass sie den Zöll-ner und Steuereinnehmer als "Menschen" behandeln sollen.

Sie sehen: Schon in der Bibel wurden Sie als gute Christen aufgefordert, mich nicht auszu-grenzen, sondern mit mir einen freundlichen Kontakt zu pflegen. Ihre Einladung erkenne ich als derartigen freundschaftlichen Akt. Ich hoffe denn auch, die Einladung sei völlig selbstlos erfolgt und nicht etwa deshalb, weil ich als Finanzchef dafür besorgt sein soll, dass Spenden an den Ritterorden und damit an die Christen im Heiligen Land auch inskünftig von den Steu-ern abgezogen werden können.
Ihr Orden hat zum Ziel, die Christen im Heiligen Land zu unterstützen. Im Westen ist man sich im Allgemeinen nicht hinreichend bewusst, wie schwierig sich die Situation für die christliche Minderheit im Heiligen Land und in der ganzen Nahostregion gestaltet. Ihr Orden zeigt Solida-rität mit den bedrängten Christen im Heiligen Land und in den palästinensischen Autonomie-gebieten. Sie unterstützen Schulen, soziale Einrichtungen, Spitäler und Priesterseminare. Dies verlangt Respekt – nicht allein des Geldes wegen, das sie spenden, sondern ebenso sehr des Zeichens wegen, das Sie setzen. Die von Ihnen unterstützen Einrichtungen sind für die Chris-ten im Heiligen Land Zeichen ihrer Identität. Mit Ihrer Tätigkeit im Ritterorden stiften Sie Identi-tät, ohne Andersgläubige auszugrenzen. Damit setzen Sie sich für die friedliche Koexistenz von Juden, Muslimen und Christen ein. Dies ist lobenswert.
Der Ritterorden bezeichnet sich als Papst- und Rom treu, was wohl nicht immer einfach ist. Als Mitglied der Christlich Demokratischen Volkspartei CVP kann ich dies gut nachvollziehen. Meine Partei trägt das Wort "christlich" im Parteinamen. Auch dies ist nicht immer einfach ... Ich bin dann zuweilen froh, wenn ich schwierige Diskussionen darüber mit meinem Sohn, dem Theologen in unserer Familie, führen kann. Er lässt mich dann jeweils wissen, welche vor-nehme Aufgabe es ist, im Leben einem höheren Anspruch verpflichtet sein zu dürfen, als es nur „einfach zu haben“.
Ihrem Ordensgebet habe ich heute an der Investitura in der Kathedrale entnommen, dass Sie keine Berufung haben, erfolgreich zu sein oder geehrt zu werden. Gerade dies ehrt Sie aber. Mir ist es ein echtes Anliegen, Ihnen im Namen der St.Galler Regierung dafür zu danken, dass Sie sich die Erfüllung hoher und oft auch schwieriger Aufgaben zum Ziel setzen. Ich wünsche Ihnen bei dieser wichtigen Aufgabe alles Gute und viel Erfolg.
«Deus lo vult» – Gott will es. Ich danke Ihnen.