Reliquien des Heiligen Kreuzes
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Reliquien des heiligen Kreuzes

Die Überreste des Kreuzes, an dem Christus den Opfertod starb, gehören zu den wichtigsten Reliquien der Christenheit. Sie sind geradezu Ideogramme des Erlösungsgeschehens. Vom heilbringenden und Leben spendenden „wahren Holz“ einen Splitter zu besitzen, bedeutete für die Menschen der Spätantike und des Mittelalters daher höchstes Glück.

In der Geschichte der Kreuzpartikel, die ihren Weg von Jerusalem in abendländische Kirchen, Kapellen und Klöster fanden, spielt die später heilig gesprochene römische Kaiserin Helena, Mutter Konstantins des Grossen, eine entscheidende Rolle. Nach der in verschiedenen Fassungen überlieferten Legende hat sie im Heiligen Land nach Gegenständen suchen lassen, die mit dem Leiden und Sterben Christi in direktem Zusammenhang standen. Auf den 14. September 320 datiert ist die Auffindung des heiligen Kreuzes im Beisein der Kaiserin. Teile davon sollen zusammen mit anderen Passionsreliquien durch sie nach Rom gekommen sein. Zur Aufbewahrung liess Kaiser Konstantin auf die Bitten der Kaiserin in ihrem Palast, dem Sessorium, die Basilica Sessoriana (heute S. Croce in Gerusalemme) einbauen. Dort verwahrte man die kostbaren Reliquien seit dem 4. Jahrhundert so sicher, dass sie in Vergessenheit gerieten. Erst 1492 kamen sie in einer zugemauerten Nische über dem Triumphbogen wieder zum Vorschein.

Heute befinden sich die Erinnerungsstücke an das Leiden und Sterben Christi in der 1952 neu gestalteten Reliquien- oder Kreuzkapelle von S. Croce. Jeweils am vierten Fastensonntag, am Karfreitag und am Fest der Kreuzerhöhung (14. September) werden die Reliquien – drei Fragmente vom Kreuz Christi, ein Nagel, zwei Dornen aus der Krone, die Geisselsäule, Partikel des Heiligen Grabes und ein Teil der Kreuzesinschrift – den Gläubigen zur Verehrung ausgesetzt.

An die Auffindung des heiligen Kreuzes erinnert das Fest Kreuzauffindung (inventio crucis), das in der griechischen Kirche zusammen mit dem Fest der Weihe der konstantinischen Doppelbasilika am 13. und 14. September liturgisch gefeiert wurde. Im gallikanischen Ritus, der sich vom 4. bis 7. Jahrhundert ausgebildet haben dürfte, ist das Fest der Kreuzauffindung seit dem 8. Jahrhundert für den 3. Mai (Tag der Wiedergewinnung des Kreuzes durch den byzantinischen Kaiser Heraklios) nachweisbar. Um 800 wurde das Festtagsdatum auch von Rom übernommen. Das am 3. Mai gefeierte Fest der Kreuzauffindung wurde für den lateinischen Ritus 1960 abgeschafft.

Das doppelbalkige Scheyererkreuz

Auf einen Reliquienraub zurück geht die Geschichte der doppelbalkigen Kreuze, die in der Schweiz je nach Gegend Twing-, Wetter- oder Türstkreuze genannt werden. 

Die Geschichte dieser Kreuze nimmt ihren Anfang in Jerusalem. Als Folge des zunehmenden Drucks der Moslems auf das christliche Königreich Jerusalem sowie wegen innerer Zwistigkeiten der Tempelritter, zu deren Einflussbereich das im Jahre 1100 von Balduin I. errichtete Königreich gehörte, ging die Zahl der Pilgerfahrten ins heilige Land zurück. Mit ihnen blieben auch die Einnahmen aus, auf die das lateinische Patriarchat angewiesen war. Um neue Einkommensquellen zu erschliessen, gab der Kanoniker Konrad, Mitglied der Ordensgemeinschaft der Kanoniker vom Heiligen Grab zu Jerusalem, dem Patriarchen Fulcherius (1146-1157) den Rat, einen Almosensammler mit Reliquien ins Abendland zu entsenden. Der Vorschlag wurde angenommen. Ein Splitter des Kreuzes, an dem Jesus gelitten und sich geopfert hatte, wurde zusammen mit sieben weiteren Erinnerungsstücken an das Leiden und Sterben Christi in einen Behälter in der Form eines doppelbalkigen Kreuzes gelegt. Mit diesen Heiltümern sowie einem Beglaubigungs- und Empfehlungsschreiben des Patriarchen begab sich Konrad auf die Reise. Die Verehrung dieses Kreuzes und der darin eingelassenen Reliquien befreite all jene vom Gelöbnis einer Wallfahrt ins heilige Land, die aus Gebrechlichkeit und anderen wichtigen Gründen zu dieser langen und gefährlichen Reise nicht in der Lage waren. 

Seine Mission konnte Konrad nicht ganz erfüllen, denn auf Veranlassung des Grafen von Dachau-Meranien wurde ihm das doppelbalkige Kreuz vermutlich zwischen 1155 und 1157 geraubt. Was weiter geschah, erfahren wir aus der ältesten Chronik von Scheyern. Mit dem Tod von Konrad III. am 8. Oktober 1180, dem Letzten aus dem Geschlecht derer von Dachau-Meranien, kam die Kreuzreliquie ins Kloster Scheyern (Oberbayern, Deutschland), wo sie seither verehrt wird.

Heiligkreuz im Entlebuch

Nur vermutet werden kann die Herkunft des Kreuzpartikels von Heiligkreuz im Entlebuch. Als gesichert gilt, dass Ritter Johannes von Aarwangen zwischen 1341 und 1343 seine Familie verliess, um zusammen mit sechs Gleichgesinnten in Wittenbach, wie Heiligkreuz zu dieser Zeit hiess, eine Eremitenniederlassung zu gründen. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts scheint sich die Gemeinschaft aufgelöst zu haben. In der Kapelle verblieb eine Kreuzreliquie, die wohl bereits zu dieser Zeit Gegenstand innigster Verehrung war. Darauf deutet die 1480 erstmals durch eine Urkunde belegte Änderung des Namens Wittenbach in „Heilig Crütz“ wie auch die Feier der Feste Kreuzauffindung und Kreuzerhöhung, die bereits für 1546 verbürgt ist.

Um die geheimnisvolle Herkunft der Kreuzreliquie begann sich eine Legende zu spinnen, die 1640 erstmals schriftlich niedergelegt wurde. Der historischen Realität am nächsten kommt wohl die Vermutung, wonach die Reliquie aus dem Besitz von Ritter Johannes von Aarwangen stammt, der sie vielleicht auf einer Wallfahrt ins Heilige Land erworben oder aus Familienbesitz eingebracht hatte.

Nach dem Verlust von mindestens zwei grösseren Kreuzpartikeln durch Raub und dem Schwund durch das ständige Abschneiden von Partikeln scheinen die Patriarchen von Jerusalem den Aufbewahrungsort ausreichend gesichert zu haben. Davon zeugt der Bericht des Nidwaldner Landammanns Melchior Lussi, der 1583 auf seiner Pilgerreise ins Heilige Land zum Ritter des Heiligen Grabes geschlagen wurde. In seinem 1590 gedruckten „Reissbuch gen Hierusalem“ spricht er von einem „Stuecklein von dem Heiligen Creutz / daran er gelitten“ und bemerkt dazu, die Kreuzreliquie sei „vberal mit Silber schoen eingefasset / damit man ein so heiligs Ort nit angreiffen / entvnehren / oder sonst darvon was abgraben oder hinweg nemmen moege“.

Kreuzpartikel und Wettersegen

Kleinste Partikel des heiligen Kreuzes finden sich in den Monstranzen, mit denen zwischen den Festen Kreuzauffindung (3. Mai) und Kreuzerhöhung (14. September) in vielen Kirchen noch heute der Wettersegen erteilt wird. Die Segnungen gehen zurück auf den alten Glauben an den Kampf zwischen Gut und Böse, in dem das Christentum das Gute und das Heidentum das Böse und Übelwollende verkörpern.

© Kurt Lussi 2005

Bildnachweis: alle Fotos Kurt Lussi, Ruswil

Quellen

Benediktinerabtei Scheyern (Hrsg.): P. Anselm Reichhold: Das heilige Kreuz von Scheyern, Scheyern 1981.

Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hg.): Heinz Horat: Die Kunstdenkmäler des Kantons Luzern. Das Amt Entlebuch. Basel 1987.

Kracht, Hans-Joachim: Reliquien des heilbringenden und lebenspendenen Kreuzes, in: L’Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache. Rom 2004, Seite 5.

Lexikon der Christlichen Ikonographie. Rom, Freiburg, Basel, Wien, 1970.

Lussi, Kurt: Wetterhexen und Schauerkreuze. Ein Beitrag zur Geschichte der doppelbalkigen Kreuze in der Luzerner Landschaft, in: Heimatvereinigung Wiggertal (Hg.): Heimatkunde des Wiggertals. Willisau 1988 (Heft 46, S. 99-116).

Lütolf, Alois: Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Lucern, Uri, Schwiz, Unterwalden und Zug. Luzern 1862.

Verlag und katholisches Schriftenapostolat Peter Maier (Hg.): Das Scheyerer Kreuz. Innsbruck o. Jahr.

Mündliche Mitteilungen von P. Franz Gressierer O.S.B:, Kloster Scheyern (1996).

 

Illustrationen zum Artikel

1 Die Grabeskirche in Jerusalem. Seit Jahrhunderten wichtigstes Ziel der Heiligland-Pilger. Darstellung um 1850.

 

2 Darstellung des gnadenreichen Kruzifixes im Kloster der Dominikanerinnen „auf dem Graben“ in Freiburg im Breisgau. Kreuze erinnern die Gläubigen an den Opfertod Christi. Kolorierter Kupferstich von F. X. Endres, Augsburg,.

 

3 Silberbehälter mit Kreuzreliquie. Die Form des gestickten Kreuzes erinnert an das von Giuseppe Valadier (1762-1839) für S. Croce in Gerusalemme 1803 geschaffene Kreuzreliquiar.

 

4 Englischer Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Anstelle des Jerusalemkreuzes trägt er auf der Brust ein doppelbalkiges Kreuz. Kupferstich, 2. Hälfte des 18. Jh.