Hochgewachsene Männer in malerischen Uniformen, mit Helmen und Hellebarden, marschierten durch die Solothurner Altstadt, zogen feierlich in die St.-Ursen-Kathedrale ein. Die Schweizerische Vereinigung ehemaliger päpstlicher Schweizergardisten brachte am 19./20. August rund 450 aktive und ehemalige Gardisten zur Zentraltagung nach Solothurn, wo sie sich letztmals 1993 getroffen hatten.

 

Beim Festgottesdienst war nicht allein die Schweizergarde prominent vertreten, sondern auch der Ritterorden, wobei mit Statthalter Jean-Pierre de Glutz-Ruchti dessen höchster Schweizer Vertreter teilnahm. Mit Alain de Raemy, Weihbischof von Lausanne, Genf und Freiburg, stand sowohl ein ehemaliger Gardekaplan als auch ein Grabritter am Altar, mit Pater Thomas Widmer der aktuelle Kaplan der Schweizergarde, während Bischofsvikar Rudolf Heim sowohl ehemaliger Gardist als auch Ritter ist. Hauptzelebrant Bischof Felix Gmür, wie auch die Konzelebranten Erzabt Korbinian Birnbacher (der in der Erzabtei St. Peter bei der Investitur in Salzburg den Abschlussgottesdienst zelebrierte), sowie Ehrendomherr und Prior Paul Rutz, gehören ebenfalls dem Ritterorden an. Eingerahmt von strammstehenden Gardisten bot die Geistlichkeit in dem bis auf den letzten Platz besetzten Gotteshaus ein eindrückliches Bild.

 

 einzug Kathedrale1

 

Gerecht und barmherzig

Bischof Felix Gmür bezog sich in seiner Predigt auf die Lesung aus dem Buch Jesaja: „So spricht der Herr: wahrt das Recht und sorgt für Gerechtigkeit, denn bald kommt von mir das Heil, meine Gerechtigkeit wird sich bald offenbaren.“ Das Recht wahren und für Gerechtigkeit sorgen, so Bischof Gmür, gelte für alle Gemeinschaften, seien diese religiöser oder militärischer Natur. „Denn wer Regeln hat, will diese anwenden, zum Wohle aller. Recht und Gerechtigkeit stehen allen zu,“ fügte er an. Bezugnehmend auf das Evangelium (in dem eine kanaanäische Mutter Jesus anfleht, ihre Tochter von einem Dämon zu befreien und Jesus die Bitte nach anfänglichem Zögern, und nachdem er sie zweimal brüsk abgewiesen hat, mit den Worten gewährt: „Frau, Dein Glaube ist gross. Was Du willst, soll geschehen“) folgerte Bischof Gmür: „Erbarmen ist immer individuell. Barmherzigkeit geht über das Recht hinaus und macht es menschlich.“ Die Balance zwischen Recht und Gerechtigkeit sei sowohl für einen Bischof wie für einen Gardekommandanten oder einen Armee-Chef nicht immer einfach zu finden. Barmherzigkeit jedoch helfe, das Gleichgewicht zu wahren. Landammann Remo Ankli oblag es, der Schweizergarde für ihren Dienst zu danken. „Viele Päpste haben Euch ihr Leben anvertraut. Darauf dürfen aktive und ehemalige Gardisten stolz sein“, lobte er. Gardekommandant Christoph Graf plagen (noch) keine Rekrutierungsprobleme. Doch stellte er die Frage, wie sich die Situation wohl in zwanzig Jahren zeige, da mit fortschreitender Säkularisierung und „Entchristlichung“ religiöse Traditionen weniger aktiv gelebt werden. Er appellierte an die Kirche der Schweiz und an die politischen Parteien, nicht blindlings dem Zeitgeist zu folgen sondern sich vermehrt für christliche Werte einzusetzen.

 

Solothurn stellte zwei Kommandanten

1506 marschierten die ersten Schweizergardisten auf dem Peterplatz in Rom ein. Seit damals ist die Garde für die persönliche Sicherheit des Heiligen Vaters und seiner Residenz zuständig, überwacht bei Gottesdiensten und Audienzen das Geschehen. Solothurn ist zwar kein ausgesprochener „Gardekanton“ wie etwa das Wallis oder Luzern, doch befehligten mit Georges de Sury d’Aspremont 1935 bis 1942 und Robert Nünlist von 1957 bis 1972 zwei Bürger des Kantons Solothurn die kleinste Armee der Welt. Kommandant Nünlist gehörte ebenfalls dem Ritterorden an. Mit Alois Jehle stellte der Kanton von 1995 bis 2006 den Gardekaplan und seit 500 Jahren regelmässig Gardisten.

 

Ritterliche Tugenden verbinden

Der Ritterorden gründet im mittelalterlichen Pilgerwesen und dem seit 1335 belegten Brauchtum, den Ritterschlag am Heiligen Grab in Jerusalem zu empfangen. 1858 schuf Papst Pius IX. den nach Regeln strukturierten päpstlichen Ritterorden. Sowohl die Ritter als auch die Gardisten verpflichten sich für ein christliches Leben, schwören dem Papst Treue und Gehorsam. Im Rittergebet sprechen wir: „Lasst uns mit der Kirche und den Menschen dort solidarisch sei.“ Solidarität und Kameradschaft leben auch die Gardisten. So, wie auch Ritter und Damen im Gebet, in der Spiritualität und im karitativen Engagement als eine Gemeinschaft wirken. Der Ritterorden und die Schweizergarde verinnerlichen ritterliche Tugenden wie Demut, Würde, Liebe, Treue, Beständigkeit, Freigiebigkeit, das Bemühen um Gerechtigkeit und Frieden – Verbindendes, welches auch im Gottesdienst spürbar war.

 

Silvia Rietz

Fotos: Oliver Sittel / Silvia Rietz

 

Gesamtbild2